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aktualisiert am 27. Feb 03 23:12

Denksport-Boom in Thiersheim:: "Es ist keiner dabei, den das Schach kalt lässt"


Wenn der Vater mit dem Sohne: Beim Schachtraining von Karlheinz Stingl greift auch schon mal sein sechsjähriger Sohn Rene mit ein

(Artikel aus der Frankenpost)

Auf den ersten Blick könnte man Karlheinz Stingl für einen Basketballer oder Boxer halten. Doch der Hochaufgeschossene Mann mit der kräftigen Statur ist Schachtrainer - ein erfolgreicher noch dazu: In nur zwei Jahren hat er beim Schachverein Thiersheim eine Nachwuchstruppe geformt, die im Landkreis ihresgleichen sucht.

Nur noch fünf von 32 Figuren sind auf dem Demo-Brett übrig geblieben: die Könige, je ein Turm und ein weißer Bauer. Ein kniffliges Turmendspiel hat Karlheinz Stingl aufgebaut. ,,Was muss das Ziel sein?'', fragt er die Kinder. Marek weiß es: ,,Der König muss das Einzugsfeld des Bauern beherrschen.'' Die Frage nach der Aufgabe des Turms beantwortet Christian: ,,Der muss die sechste Reihe unter Kontrolle haben.'' Stingl gibt sich damit noch nicht zufrieden: ,,Warum die sechste Reihe? Warum nicht die fünfte oder vierte?'' Selina erwidert, wie aus der Pistole geschossen: ,,Der König darf nicht vor den Bauern auf die sechste Reihe kommen.'' Plötzlich rennt Rene, der sechsjährige Sohn des Trainers, nach vorne, spielt ein paar Züge gegen seinen Vater. ,,Wenn der Bauer schlägt, dann ist es Patt'', erklärt der Knirps fachmännisch.
Kurzweilig und interessant geht es zu beim Training in Thiersheim. Bis zu 26 Mädchen und Buben zwischen sechs und zwölf Jahren kommen zwei Mal pro Woche zusammen in Stingls Talentschmiede. Der 42-jährige Wunsiedler, den alle nur Karlo nennen, erläutert, wie er beim Training vorgeht: ,,Ich versuche, den Kindern wichtige Grundsätze zu vermitteln. Wenn sie sich daran halten, können sie auch mich schlagen.'' Im Turmendspiel etwa: Ein paar goldene Regeln führen zum Erfolg - egal, wer nun auf der anderen Seite sitzt.
Nach zwei Jahren kontinuierlichem, konsequentem Training haben Stingls Schützlinge erste beachtliche Erfolge geholt. Erst vor kurzem, bei der oberfränkischen Schnellschach-Meisterschaft der Jugend, schlug sein Vaterherz höher: Rene Stingl, der jüngste Teilnehmer, holte sich den Gesamtsieg der Altersklassen U18, U10 und U12. ,,Mit zwei Jahren hat Rene schon Schach gelernt'', erklärt Karlheinz Stingl, der Wert darauf legt, dass dabei stets das Spielerische im Vordergrund steht und nicht der väterliche Ehrgeiz. Im Wunsiedler Kindergarten hätten Renes erste Erfolge für Aufsehen gesorgt - plötzlich war bei den Eltern der Kleinen die Nachfrage nach Schach riesig.
Ein anderes Talent ist Christian Küffner, gerade zehn Jahre jung. ,,Den hab' ich in der Grundschule entdeckt'', sagt Karlo Stingl und verweist auf die hervorragende Nachwuchsarbeit von Blindenmeister Ludwig Zier - neuerdings auch ein Thiersheimer - in der Grundschule Wunsiedel. Der Trainer schwärmt: ,,Christian hat das gewisse Etwas, das Glänzen in den Augen.'' Diese Begeisterung brächten in seiner Schachgruppe mehrere Kinder mit - auch und vor allem Mädchen. Vereinsmeisterin Kate Laustsen liefere sich heiße Duelle mit Verena Zier, Selina Reithmeier spiele ebenfalls sehr stark. Bei den Jungs nähmen sich Rene, Christian und Oliver Zier oft gegenseitig die Punkte weg. ,,Die stacheln sich untereinander an, das ist fantastisch.''
Für Stingl, der mit den Kindern zu zahlreichen Turnieren fährt, ist das Mannschaftsgefühl wichtig. Mitfreuen, aber auch trösten - das ist seine Aufgabe, wenn an den Brettern knappe Entscheidungen fallen. ,,Die Kinder sind halt mit Herz und Seele dabei'', freut er sich. ,,Da gibt es Tränen aus Enttäuschung genauso wie aus Freude.'' Diese Gefühlsausbrüche beim scheinbar ruhigen Denksport gefallen Stingl, der selbst ein emotionaler Spieler ist: ,,Es ist keiner dabei, den das alles kalt lässt.''
In dieser Saison sorgen die Kids aus Thiersheim für ein Novum: Eine Vierer-Mannschaft tritt in der B-Klasse der Erwachsenen an. In der ersten Runde reichte es gegen Witzlasreuth noch nicht ganz zu einem Punktgewinn, in Runde zwei gewannen dann die Kleinen gegen die ,,Großen'' der Spielgemeinschaft aus Röslau und Schönwald mit 3,5:0,5. Der Coach weiß, dass die Partien gegen die Erwachsenen sehr beliebt sind: ,,Alle wollen spielen. Sie kämpfen um die Plätze in der Mannschaft.''
Dass die Kinder zurzeit in der Erwachsenen-Liga mitspielen müssen, hat freilich einen Grund: Im Schachkreis Marktredwitz/Stiftland, der den Landkreis Wunsiedel und Vereine der nördlichen Oberpfalz umfasst, gibt es keine Jugendliga. Doch auch das soll sich ändern: Karlheinz Stingl als Kreisjugendleiter will die positive Ausstrahlung, den Denksport-Boom von Thiersheim auf den ganzen Kreis übertragen, der im Nachwuchsbereich einige Jahre Dornröschenschlaf hinter sich hat. ,,In Sachen Jugend waren wir lange ein weißer Fleck'', räumt Stingl ein, der selbst seit 20 Jahren Schach spielt und lebt. ,,Doch jetzt kommen wir ins Gerede.'' Positiv, versteht sich.
Karlheinz Stingl will seine eigene Schachbegeisterung auf Kinder und Eltern übertragen. Die Thiersheimer Gruppe sei zwar kaum mehr aufnahmefähig, aber er will auch anderen Vereinen junge, interessierte Spieler zukommen lassen. ,,Es wäre doch schade drum, wenn uns junge Talente verloren gingen.''
Informationen zum Nachwuchs-Schachtraining in Thiersheim und im Fichtelgebirge gibt es bei Karlheinz Stingl, Telefon 09232/603499, e-Mail k.stingl@t-online.de .