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aktualisiert am 07. Nov 04 23:36

Zug um Zug an die Spitze der deutschen Talente

Der erste Schachspieler aus Hochfranken bei einer Jugendschach-WM: Der neunjährige Oliver Zier aus Wunsiedel misst sich auf Kreta mit den Besten der Welt

Da geht’s hin: Oliver sucht auf dem Globus nach Kreta und nach den Herkunftsländern der WM-Favoriten

Kinderleicht:

Kombinationen am Laptop

löst Oliver im Handumdrehen

Erst drei Jahre am Brett – und schon bei der Weltmeisterschaft: Oliver Zier hat einen rasanten Aufstieg genommen, ist in seiner Altersklasse die Nummer eins in Bayern

VON JAN FISCHER

Ein neunjähriger Bub aus Wunsiedel schickt sich an, die Schachwelt zu entdecken: Oliver Zier startet in wenigen Tagen bei der Jugendweltmeisterschaft auf Kreta. Er ist der erste Jugendliche aus Hochfranken überhaupt, der sich mit den weltbesten Nachwuchs-Denksportlern misst.

WUNSIEDEL - Fußball? Autorennen? Ninja-Turtles? Nein - Schach ist für Olli das Computerspiel Nummer eins. Eine CD-Rom mit über 2000 kniffligen Positionen hat’s ihm angetan. Für jeden richtigen Zug gibt’s Punkte, je nach Schwierigkeitsgrad. Der junge Mann findet die Gewinnvarianten meist im Handumdrehen. Er grinst: „80 Prozent der Punkte habe ich schon.“ Figurenopfer zu finden, sei seine Spezialität. Manchmal müsse man aber nur einen Bauern herausschlagen, um zu gewinnen. „Das hab’ ich zuerst gar nicht gesehen – der Zug war mir zu einfach.“ Vor wichtigen Partien setzt er sich an den Laptop und löst Schachprobleme im Minutentakt. „Man muss sich ja schließlich warmdenken.“

Denkaufgaben meistert Oliver auch in der Wunsiedler Jean-Paul-Grundschule mühelos: „In Mathe bin ich Klassenbester.“ Schon vor einem Jahr – damals noch als Drittklässler – nahm er am „Mathe-plus-Kurs“ teil, den sonst nur Viertklässler besuchen. Oliver bestätigt die weit verbreitete Ansicht, dass gute Schachspieler meistens gute Mathematiker sind.

Vor gerade einmal drei Jahren hat Oliver das Schachspiel gelernt – von seinem Vater Ludwig, dem mehrfachen deutschen Blindenmeister. Ende 2001, da war er sechs Jahre jung. Ein Jahr dauerte es bis zu seinem ersten Turnier in Erfurt. Danach begann ein atemberaubender Aufstieg. Im Januar 2003 holte er auf Anhieb die oberfränkische Meisterschaft der Altersklasse U8. Bei der Premiere auf bayerischer Ebene reichte es immerhin zum achten Platz in der höheren Klasse U10. Beim größten deutschen Jugendturnier – wieder in Erfurt – machte der junge Wunsiedler auf sich aufmerksam: 5:2 Punkte, Platz 20 von 140 Teilnehmern, bester U10-Spieler. Und dann das Jahr 2004: Nach dem oberfränkischen U10-Meistertitel belegte er Platz drei bei der „Bayerischen“ – das Ticket für die deutsche Meisterschaft in Willingen/Sauerland war gelöst. Und dort trumpfte der Wunsiedler als Neuling erneut auf: Lange Zeit lag er auf Platz drei. „Gegen den späteren Sieger hab’ ich den Sieg verschenkt.“ Am Ende wurde es der achte Platz, die Qualifikation zur Weltmeisterschaft war perfekt.

Durch weitere erfolgreiche Turniere kletterte Oliver, der schon in der ersten Erwachsenen-Mannschaft der SpVgg Wunsiedel in der A-Klasse spielt, in der Rangliste immer weiter nach oben. Mit einer Wertungszahl von 1430 ist er jetzt in der Altersklasse U10 die Nummer eins in Oberfranken und in Bayern und gehört zu den besten Zehn in Deutschland. Das tägliche Training hat Früchte getragen. Zug um Zug haben sich erstaunliche Fähigkeiten herausgebildet: Oliver kann sogar spielen, ohne auf das Brett zu schauen.

Ein großes Talent – das erkennen auch die Firmen in Stadt und Landkreis Wunsiedel. Ein gutes Dutzend Sponsoren fand sich, um den WM-Auftritt finanziell zu unterstützen. Und auch die Grundschule, an der Schach ganz groß geschrieben wird, zeigt sich großzügig und stellt Oliver für Denk-Einsätze vom Unterricht frei. Am kommenden Mittwoch, 3. November, geht’s los: Die Schachfamilie Zier – mit Vater Ludwig, Mutter Sabine, Tochter Verena und Sohn Oliver – macht sich auf den Weg nach Kreta. Morgens werden sie mit dem Zug in Marktredwitz starten, mittags in München in Richtung Griechenland abheben und abends nach einem Zwischenstopp in Thessaloniki in der Hauptstadt Kretas, Heraklion, landen. Elf Runden hat Oliver vor sich, nach dem letzten Spieltag am 13. November wird feststehen, ob er sein Ziel – 50 Prozent der möglichen Punkte – erreicht hat. Einen aufgeregten Eindruck macht Oliver im Gespräch mit unserer Zeitung nicht. Vater und Trainer Ludwig lobt: „Olli fasst schnell auf, ist sehr nervenstark und optimistisch, und er steckt Niederlagen leicht weg.“ Beste Voraussetzungen also, in die Fußstapfen des Vaters zu treten, der zwei Mal an der WM im Blindenschach teilnahm und einen vierten Platz belegte? Ludwig Zier ist zuversichtlich: „Wenn er so weitermacht...“ Ein großer Vorteil sei, dass Olli im kommenden Jahr noch einmal in der U10 spielen könne. Das bedeute verbesserte Chancen bei der deutschen Meisterschaft – und möglicherweise die zweite Teilnahme an der WM, die dann in Frankreich stattfinden wird. Oliver Zier ist nur ein herausragendes Beispiel von vielen: Kinder entdecken heutzutage immer früher die Faszination Schach. Schon Mädchen und Buben im Vorschulalter lernen die ersten Züge. Ludwig Zier weiß: „Auch die Förderung beginnt immer früher.“ Talentsucher spüren die Besten in jungen Jahren auf. Es gibt bereits zwölfjährige Großmeister. „Das war früher anders“, sagt Zier. „Ich habe erst mit 14 mit Schach angefangen.“ Auf Kreta wird Oliver in vielerlei Hinsicht Neuland betreten. Das beginnt schon bei der Bedenkzeit: Gespielt wird mit der „Fischer-Uhr“, benannt nach Ex-Weltmeister Bobby Fischer. Jeder Teilnehmer startet mit 90 Minuten Bedenkzeit und erhält nach einem Zug einen 30-Sekunden-Bonus. Wenn man weiß, dass geübte Schachspieler über einem Zug manchmal 20 Minuten oder mehr „brüten“, kann die Zeit schnell knapp werden. Oliver schaut auf den Globus. „Da ist Kreta“, zeigt ihm seine Mutter. Wo China, Indien, Argentinien und Aserbaidschan liegen, erklärt sie ihm auch. Von dort kommen die Favoriten auf den WM-Titel. Talente der Altersklassen U10 bis U18 aus allen Kontinenten sind in Heraklion dabei, 35 davon aus Deutschland. In der U10 bekommt es Oliver mit 120 Kontrahenten aus aller Herren Länder zu tun. Der Laptop darf natürlich auf der griechischen Insel nicht fehlen. Mehr als drei Millionen Partien sind darauf gespeichert. Eine Stunde bereiten sich Vater und Sohn intensiv auf die nächste Partie und die Eröffnungstheorie vor; nach dem Spiel am Abend kommen die entscheidenden Situationen noch einmal aufs Brett – denn beim Schach kann man aus Fehlern lernen. „Fünf, sechs Stunden werden wir jeden Tag mit Schach beschäftigt sein“, sagt  Ludwig Zier. Dennoch wird Zeit bleiben, das frühlingshafte Klima auf Kreta zu genießen. Oliver freut sich auf die freie Zeit neben dem harten Turnier: „Dann geh’ ich ins Schwimmbad.“ Ansonsten will er nicht baden gehen bei der WM.