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aktualisiert am 20. Nov 04 16:53



EIN OBERFRANKE BEI DER JUGEND-WM

VON JAN FISCHER

Rundum gelungen war Oliver Ziers Premiere bei der Jugendschach-Weltmeisterschaft: Der neun Jahre junge Wunsiedler holte in seiner Altersklasse U 10 sechs Punkte aus elf Partien. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Platz 48 von 130 Teilnehmern aus aller Herren Länder. Kein Wunder, dass Oliver zufrieden ist: "Es ist so gelaufen, wie ich's mir vorgestellt habe."

Der Empfang nach der WM war überwältigend: In der Jean-Paul-Grundschule in Wunsiedel standen die Klassenkameraden für Oliver Spalier. Schilder mit Schachfiguren hatten sie eigens für ihn vorbereitet, um ihn nach seiner Schachreise angemessen zu begrüßen. Die Mitschüler wissen, was sie an Olli - dem Mathe-Einser-Schüler - haben.
Für die WM wurde der Neunjährige vom Unterricht frei gestellt, auch seine Schwester Verena bekam hochoffiziell schulfrei, um ihn zu unterstützen. Außerdem begleiteten ihn Mutter Sabine und Vater Ludwig, mehrfacher deutscher Meister im Blindenschach und selbst zwei Mal bei Weltmeisterschaften im Blindenschach dabei. Die Schachfamilie Zier nahm größere Strapazen auf sich: Am Anreisetag starteten sie um 5 Uhr in Wunsiedel - erst um 21 Uhr erreichten sie das Hotel in Heraklion, der Hauptstadt von Kreta.
Mit Urlaub hatte der Aufenthalt auf der Insel allerdings wenig zu tun: Fünf bis acht Stunden täglich beschäftigte sich Oliver mit seinem Denk-Sport. Da waren zum einen die Partien, die jeweils mehr als drei Stunden dauerten. Da waren zum anderen die Trainingseinheiten, bei denen der Computer wertvolle Dienste leistete: Von sieben Gegnern von Oliver waren Partien auf dem Zierschen Laptop gespeichert. "Und in fünf Partien spielten sie genau das, was wir erwartet hatte", sagt Vater und Trainer Ludwig.
Vielleicht war dies auch ein Grund dafür, dass Oliver in allen elf Partien gut mithielt. Er stellte sein bereits ausgeprägtes Eröffnungswissen unter Beweis, in einer Partie spielten er und sein Kontrahent sogar die ersten 15 Züge nach ausgeklügelter Theorie. "Er hatte in der Eröffnung nie Probleme", lobt Ludwig Zier. Selbst gegen den Topgesetzten aus China, gegen den Oliver in Runde acht ran musste, erreichte er eine ausgeglichene Position. Der Chinese setzte auf ein Qualitätsopfer, doch der Wunsiedler verteidigte sich gut. Erst durch einen falschen Bauernabtausch geriet er noch auf die Verliererstraße.
Dass es eine erfolgreiche WM werden würde, spürten die Beobachter am Brett von Oliver schon bald. Das Ziel - 50 Prozent der Punkte zu sammeln - war nie ernsthaft in Gefahr. Zu keiner Zeit lag Oliver unter der 50-Prozent-Marke, gehörte zwischenzeitlich sogar zum Kreis der besten 30.
Als an einem Tag mit nur kurzer Pause die Runden sieben und acht ausgetragen wurden, musste er einen Rückschlag hinnehmen: Beide Partien verlor er. Doch in dieser kritischen Phase des Turniers half Oliver seine kindliche Unbekümmertheit: Er machte sich keine großen Gedanken über die Niederlagen. "Die haben ihn nicht aus dem Rhythmus gebracht", sagt Ludwig Zier. Dass er die Doppel-Nullrunde gut weggesteckt hatte, zeigte sich gleich in den nächsten zwei Partien: Die gewann Oliver beide und wetzte damit die Scharte wieder aus.
Und so hatte er schon nach der vorletzten Runde sechs Zähler gesammelt und lag über dem Durchschnitt. Etwas kurios verlief die Partie in der Abschlussrunde. Aus Versehen blieb Olli mit seinem T-Shirt-Ärmel an seiner Dame hängen. Der Gegner reklamierte auf "berührt - geführt", Oliver ließ sich davon beeindrucken und zog mit der Dame. Dieses Missgeschick brachte ihn total aus dem Rhythmus, und er unterlag im letzten Spiel. Beim einem Unentschieden oder Sieg zum Abschluss hätte er eine deutlich bessere Platzierung erreicht.

Einer von 1000 Spielern aus 75 Nationen

Nichtsdestotrotz: Auch der 48. Platz ist aller Ehren wert. Zur absoluten Weltspitze - zum Weltmeister Yangyi Yu aus China - fehlten Oliver exakt drei Punkte. Das Erlebnis, einer von 1000 Spielern aus 75 Nationen gewesen zu sein, und die Erfahrung aus einem großen Turnier nimmt ihm niemand mehr.
Der junge Mann - Nummer eins der bayerischen Bestenliste in der U 10 - schaut bereits nach vorne zu seinem nächsten Turnier: "Beim Weihnachts-Open in Erfurt bin ich wieder dabei." Langsam, aber sicher beginnt die Vorbereitung für die deutsche U10-Meisterschaft, die vom 14. bis 22. Mai in Willingen ausgetragen wird. Willingen war schon in diesem Jahr der Austragungsort der "Deutschen", bei der sich Olli als Achter für die WM qualifizierte. Im kommenden Jahr will er diesen Coup wiederholen. Ein Platz unter den besten Zehn ist dazu erforderlich - wenn alles klappt, geht es dann im Herbst 2005 zur nächsten WM nach Belford in Frankreich. Und da könnte Oliver, um ein Jahr gereift, seine Platzierung verbessern.
Um den Traum von der erneuten WM-Teilnahme zu verwirklichen, wird Oliver künftig nicht mehr nur von seinem Vater trainiert: Der Internationale Meister Roman Widonyak aus Heidelberg wird das Talent tatkräftig unterstützen. Per E-Mail gehen interessante Partien von Oliver an Widonyak - der erkennt jede noch so kleine Schwäche und kann Oliver darauf aufmerksam machen.
"So wollen wir innerhalb kurzer Zeit die Fehlerquote erheblich reduzieren", sagt Ludwig Zier. Ein großes Ziel peilt sein Sohn mittelfristig an: die Aufnahme in den D/C-Kader der Deutschen Schachjugend. Nachwuchsspieler aus diesem Kader haben Jahr für Jahr das Ticket für eine Europa- oder Weltmeisterschaft sicher. Und dann gäbe es in jedem Jahr einen tollen Empfang von den Mitschülern in Wunsiedel.

WM auf Kreta - Runde für Runde

1. Runde: Oliver Zier - Daniel Karadaliev (Bulgarien) 1:0
2. Runde: Parker Zhao (USA) - Oliver Zier 1:0
3. Runde: Oliver Zier - Garcia Jose Alejandro Guaza (Spanien) 1:0
4. Runde: Oliver Zier - Marc-Andre Kieu (Kanada) 1:0
5. Runde: David Khachykian (Weißrussland) - Oliver Zier 1:0
6. Runde: Mancillas Jesus Martin Gutierrez (Mexiko) - Oliver Zier 1:0
7. Runde: Panagiotis Galopoulos (Griechenland) - Oliver Zier 0:1
8. Runde: Ziyuan Qu (China) - Oliver Zier 1:0
9. Runde: Oliver Zier - Francois Godart 1:0
10. Runde: Oliver Zier - Kim Cabanes (Frankreich) 1:0
11. Runde: Irakli Beradze (Georgien) - Oliver Zier 1:0

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